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RAADS-R Test Auswertung: Was Ihre Werte bedeuten

RAADS-R Test Auswertung: Was Ihre Werte bedeuten

Die RAADS-R Test Auswertung besteht aus einem Gesamtwert zwischen 0 und 240 sowie vier Teilwerten. Diese Seite erklärt, was der Schwellenwert 65 aussagt, warum er in der Praxis schlechter trennt als in der Originalstudie, und was die vier Bereiche einzeln bedeuten.

Der Gesamtwert

Jede der 80 Aussagen wird mit 0 bis 3 Punkten bewertet, je nachdem, ob sie jetzt und früher zutrifft, nur jetzt, nur früher oder nie. Siebzehn Aussagen sind umgekehrt gepolt und werden entsprechend gedreht. Daraus ergibt sich ein Gesamtwert von 0 bis 240.

Wert Einordnung
0 bis 64 Unter dem Screening-Schwellenwert von 65
65 bis 105 Über dem Schwellenwert
106 bis 139 Im Bereich, der am ehesten mit Autismus verbunden wird
140 bis 240 Ausgeprägte autistische Merkmale

Warum 65 weniger bedeutet, als oft angenommen

65 stammt aus der Originalveröffentlichung von Ritvo und Kolleginnen aus dem Jahr 2011. In der dortigen Stichprobe trennte dieser Wert autistische von nicht autistischen Teilnehmenden nahezu vollständig.

Diese Stichprobe war allerdings sehr klar getrennt: Auf der einen Seite diagnostizierte autistische Erwachsene, auf der anderen Kontrollpersonen ohne psychiatrische Fragestellung. Im Alltag einer Klinik sieht das anders aus. Dort sitzen Menschen mit Angststörungen, Depressionen, ADHS, Traumafolgen und Persönlichkeitsstörungen, und viele von ihnen überschreiten die 65 ebenfalls.

Spätere Untersuchungen in solchen Settings fanden deshalb eine deutlich schlechtere Trennschärfe. Das ist kein Argument gegen den Test, sondern eine Eigenschaft fast aller kurzen Selbstauskunftsverfahren.

Praktisch heißt das: Ein Wert unter 65 ist ein relativ verlässliches Zeichen dafür, dass Autismus unwahrscheinlich ist. Ein Wert über 65 ist eine Frage, keine Antwort. Screening-Fragebögen schließen besser aus, als sie einschließen.

Die vier Teilwerte

Der Gesamtwert allein verdeckt viel. Zwei Menschen mit identischem Wert können völlig verschiedene Profile haben, und das Profil ist meist das Interessantere.

Bereich Aussagen Maximum Was ein hoher Wert bedeutet
Soziale Bezogenheit 39 117 Gespräche, Blickkontakt, Freundschaften und das Lesen von Stimmungen kosten überdurchschnittlich viel Aufwand
Sensorik & Motorik 20 60 Reize wie Geräusch, Licht, Stoffe und Berührung werden intensiver verarbeitet, dazu Koordination und Körperwahrnehmung
Eingegrenzte Interessen 14 42 Vertiefte Interessen, Bedürfnis nach Routine, deutliche Reaktion auf Veränderung
Sprache 7 21 Wörtliches Verstehen, Schwierigkeiten mit Ironie und Andeutungen, eigene Sprachmelodie

Weil die Bereiche unterschiedlich viele Aussagen enthalten, sind die absoluten Werte nicht direkt vergleichbar. Aussagekräftig ist der Anteil am jeweiligen Maximum, und genau so wird das Ergebnis dargestellt.

Typische Profile

Hoch sozial, niedrig sensorisch. Häufig bei Menschen, die sozial viel kompensieren und Reize gut regulieren können, oder die ihre Reizempfindlichkeit so lange gewohnt sind, dass sie sie nicht mehr als Besonderheit erkennen.

Hoch sensorisch, niedrig sozial. Kann auf Reizverarbeitungsunterschiede ohne Autismus hinweisen. Auch Misophonie, auditive Verarbeitungsstörungen und visueller Stress erzeugen hier hohe Werte. Der Neurodivergenz-Test trennt diese Möglichkeiten genauer.

Überall mittelhoch. Am schwierigsten zu deuten. Es kann ein echtes, gleichmäßig verteiltes Profil sein, oder ein Hinweis darauf, dass viele Aussagen mit “trifft teilweise zu” beantwortet wurden, ohne dass eine klare Richtung besteht.

Hoch, aber ohne Belastung im Alltag. Merkmale ohne Beeinträchtigung sind keine klinische Fragestellung. Viele Menschen erkennen sich in diesen Beschreibungen wieder und kommen gut zurecht.

Was ein niedriger Wert nicht ausschließt

Ein Wert unter 65 macht Autismus unwahrscheinlicher, aber nicht unmöglich. Zwei Gründe kommen regelmäßig vor.

Der erste ist Maskierung. Wer über Jahrzehnte gelernt hat, Blickkontakt bewusst zu steuern, Gespräche vorzubereiten und Verhalten zu kopieren, beantwortet manche Aussagen ehrlich mit “trifft nicht zu”, weil die sichtbare Schwierigkeit tatsächlich nicht mehr besteht. Der Aufwand dahinter wird nicht erfasst. Dafür gibt es den CAT-Q Test, der Kompensation und Maskierung getrennt misst.

Der zweite ist Selbstwahrnehmung. Der RAADS-R fragt nach Innensicht. Wer wenig Zugang zu eigenen Gefühlen und Körperempfindungen hat, was bei Alexithymie häufig vorkommt, unterschätzt systematisch.

Wie es nach dem Ergebnis weitergeht

Wenn Ihr Ergebnis Sie beschäftigt, ist die nächste Stelle eine ärztliche oder psychotherapeutische Praxis mit Erfahrung in der Autismusdiagnostik bei Erwachsenen. Hilfreich sind:

  • Ihr Ergebnis mit den vier Teilwerten, ausgedruckt oder als Bildschirmfoto
  • Beispiele aus Kindheit und Jugend, nicht nur aus der letzten Zeit
  • eine Einschätzung, was Sie im Alltag tatsächlich Kraft kostet
  • wenn möglich die Perspektive einer Person, die Sie lange kennt

Der letzte Punkt ist mehr wert, als er wirkt. Entwicklungsbezogene Fragestellungen beruhen auf dem Lebensverlauf, und genau dafür existiert mit dem ADI-R Test ein eigenes Interviewverfahren.

Weitere Verfahren

Wenn Sie das Ergebnis mit anderen Verfahren abgleichen möchten: der AQ-50 Test als klassischer Autismus-Quotient, der kürzere AQ-10 Test, der RAADS-14 Screen als Kurzform desselben Verfahrens, und der Autismus-Test für Erwachsene mit dreißig Fragen. Für Abklärung statt Screening stehen der ADOS-2 Test und der ADI-R Test.

Keine Diagnose. Kein Online-Fragebogen kann Autismus feststellen. Ein hoher Wert bestätigt ihn nicht, ein niedriger schließt ihn nicht aus. Nur eine qualifizierte Fachperson kann eine Einschätzung vornehmen. Fragen beantworten wir unter Kontakt.

Quellen

  • Ritvo RA, Ritvo ER, Guthrie D, et al. The Ritvo Autism Asperger Diagnostic Scale-Revised (RAADS-R). Journal of Autism and Developmental Disorders. 2011;41(8):1076-1089. PubMed 21086033
  • Literatur zur Trennschärfe in klinischen Stichproben: PubMed-Suche · Google Scholar